Was würde Popper heute tun?

Der Wegweiser für Staat und Wissenschaft trägt die Inschrift: Falsifikation.

Ein Gastbeitrag von Roland R. Ropers, Kultur- und Sprachphilosoph.


Ein herrlicher Frühlingstag in Hannover, Pfingstmontag, 23. Mai 1988. Im Rahmen des Kongresses „Geist & Natur“ spricht Sir Karl Popper über das Drama in der Welt und schildert sehr detailliert das Atom-Inferno von Hiroshima am 6. August 1945. Jesuitenpater und Zen-Meister H.M. Enomiya-Lassalle (1898-1990) und ich sitzen in der ersten Reihe des Kongresssaales und hören aufmerksam zu, was der renommierte Denker zu sagen hat. Jeder der zweitausend Zuhörer hat das Gefühl, Karl Popper wäre in Hiroshima dabei gewesen. Großer Beifall für den Redner. Als es wieder still wurde, stand Pater Lassalle auf und stellte die bescheidene Frage: „Haben Sie Hiroshima persönlich erlebt?“ Popper entgegnete empört: „Wie soll ich Ihren Einwand verstehen?“ Lassalle: „Ich lebe seit 1929 in Japan und befand mich am 6. August 1945 in unmittelbarer Nähe des Epizentrums des Bombeneinschlags und bin seitdem strahlengeschädigt.“ Sir Popper war sichtlich irritiert und bekannte: „Ich kenne Hiroshima nur aus Schilderungen in Zeitungen und Büchern.“ Lassalle beendete eine weitere Diskussion mit dem Schweigen eines Zen-Meisters.

Es war der Wiener Tischlermeister Adalbert Pösch, der den Lehrling und Studenten Popper „zu einem Jünger von Sokrates“ machte. Denn Meister Pösch lehrte ihn, „dass die einzige Weisheit, die zu erwerben ich hoffen konnte, das sokratische Wissen von der Unendlichkeit meines Nichtwissens war“.

Als Karl Popper dies niederschrieb, 1974 in der Autobiographie „Ausgangspunkte“, war er längst selbst ein Meister: Emeritus der London School of Economics, Schöpfer des „Kritischen Rationalismus“, von der Queen von England zum ritterlichen „Sir Karl“ geschlagen und im Reich des Denkens jener sokratische „Zitterrochen“, der elektrisierende Erkenntnis.

Margaret Thatcher baute auf Popper-Lehren, und Helmut Schmidt empfahl den Seinen: „Popper lesen!“.

„Unser Wissen ist kritisches Raten“, postulierte Karl Popper, die Wissenschaft gehe von „offenen Problemen“ aus und ende in „offenen Problemen“. Und der Cantus firmus seines Treibens, Kants „Wahlspruch der Aufklärung“, war stets: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

In seines Vaters Haus standen viele Bücher, im Salon thronte ein Bösendorfer Konzertflügel. Die Poppers residierten im Herzen von Wien, gegenüber dem Riesentor dem Stephansdom. Der Vater war Rechtsanwalt und Philanthrop.

Im Wien der Kaiserzeit grassierte das Elend; zu Vaters menschenfreundlichen Taten zählte die Behausung von Obdachlosen. In einem dieser Asyle weilte damals auch der letzte Grund für Poppers Lebensschicksal als Emigrant: der arbeitslose Maler Adolf Hitler.

Die Poppers waren assimilierte Juden. Karl, mittlerweile Lehrer für Mathematik, Chemie und Physik, emigrierte, nach einem längeren Aufenthalt in England, im Jahre 1937 nach Neuseeland. Die totalitären Systeme, die Hitler und Stalin errichteten, bewegten Popper zu einem Fundamentalbuch: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“.

Popper sah das Buch als „Kriegsbeitrag“, als „Verteidigung gegen totalitäre und autoritäre Ideen“. Vehement attackierte er Theoretiker geschlossener Staatsformen, Plato, Hegel, Marx; und an die Stelle der Frage, wer den Staat regieren sollte, setzte er: „Wie können wir politische Institutionen so organisieren, dass es schlechten und inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten?“

Der Wegweiser, den Popper für Staat und Wissenschaft aufstellte, trug die Inschrift „Falsifikation“. Er lenkt nicht zu einer ewigen Wahrheit, sondern auf einen Weg der kleinen Schritte, zur Springprozession „Versuch und Irrtum“.

„Seit Platon“, schrieb Popper, „ist der Größenwahn die am weitesten verbreitete Berufskrankheit der Philosophen.“ Die Tätigkeit des Falsifizierens ist wahnfrei: Es geht nicht um den Wahrheitsbeweis (Verifikation) eines Satzes oder einer Theorie, sondern um Fehlersuche und Fehlerkorrektur und dadurch um Annäherung an die Wahrheit.

Diese Methode zu verfolgen, schreibt Popper, sei „nicht nur eine Weisheitsregel, sondern geradezu eine moralische Pflicht – die Pflicht zur dauernden Selbstkritik, zum dauernden Lernen, zu dauernden kleinen Verbesserungen unserer Urteile, unserer Theorien“.

Überhaupt seien die Methoden, „die sich bewusst als Stückwerk und Herumbasteln verstehen, das beste Mittel zur Erlangung praktischer Resultate“ – so was kann dahinwurstelnde Politiker zu Popper-Adepten machen; vor allem wenn sie des Meisters sine qua non überlesen: alles „in Verbindung mit kritischer Analyse“.

Ein „allgemeines Kriterium der Wahrheit“, jedenfalls, könne es nicht geben. Der Satz „Alle Schwäne sind weiß“ gilt nur so lange, bis er falsifiziert ist – nämlich ein „schwarzer Schwan“ auftaucht.

Aber wie steht es mit dem Paradigma „Alle Menschen sind sterblich“? So fragte ein Besucher den stillvergnügten, hochbetagten Philosophen. „Zumindest theoretisch“ sprach Karl Popper, sei Unsterblichkeit denkbar. Er hat das Paradigma nicht falsifizieren können. Popper starb in London am Samstag, den 17. September 1994, an einem Krebsleiden.

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