Leserbriefe zu „Journalisten: Gladbeck, Ukrainekrieg und die emotionale Besoffenheit“

Tobias Riegel kommentiert hier die Gefahren, die potenziell von „emotionalisierten und enthemmten“ Journalisten ausgehen könnten. Anlässlich der neuen Dokumentation „Gladbeck: Das Geiseldrama“ findet ein Vergleich mit der „überwältigenden aktuellen Kampagne zum Ukrainekrieg“ statt. Der Film dokumentiere „den moralischen Offenbarungseid eines ganzen Berufstandes“. Festgestellt wird: „Eine Parallele könnte aber sein, dass in beiden Fällen eine emotionale Besoffenheit zugelassen oder gar geschürt wird, um die Regeln des Anstands und der Vernunft zeitweise außer Kraft zu setzen.“ Abschließend wird gefordert, dass Emotionen aus den Berichten und den Redaktionen möglichst ferngehalten werden müssten, denn „wer etwas anderes fordert, führt mutmaßlich nichts Gutes im Schilde“. Wir danken für die interessanten Zuschriften. Hier also nun die Leserbriefe. Zusammengestellt von Christian Reimann.

1. Leserbrief

Hallo liebe NDS’ler.

Es gibt neben “Gladbeck” noch weitere Beispiele dafür, wie Journalisten angemessenes Verhalten vollkommen vermissen lassen, und dabei oft sogar von Behörden und Justiz nicht gestoppt werden. Extreme Beispiele gibt es auch aus England, wo ich 13 Jahre lang gearbeitet habe, und auch in den USA.

Die meisten erinnern sich sicher noch an die Vorwürfe, die den Paparazzi beim Tod von Prinzessin Diana im Jahr 1997 gemacht wurden.In Kalifornien gibt es nach einigen durch Paparazzi verursachten Unfällen u.a. mit Reese Witherspoon und Scarlett Johansson seit 2006 ein Verbot für Paparazzi, Autos während der Fahrt abzudrängen und einzukeilen. Interessant, dass man so was verbieten muss!Der Fall Amy Winehouse, gestorben 2011. Jahrelang konnte wirklich jeder sehen, wie sich die junge Dame durch harte Drogen, Alkohol, Bulimie und selbstverletzendes Verhalten selbst zerstörte, und ein Heer von Paparazzi verfolgte sie Tag und Nacht, immer auf der Suche nach dem ultimativen, letzten Foto, wissend, dass das ein Vermögen bringen werde. Jeder kleine Dealer wird von der Polizei verfolgt, aber hier griff niemand ein.In England hängt an wirklich jeder Ecke eine CCTV-Kamera, und wenn man irgendwo in einer dunklen Ecke seine Notdurft verrichtet und dabei gefilmt wird, bekommt man eine hohe Strafe wegen “anti-social behaviour”. Ich bekam mal ein Ticket wegen “anti-social behaviour”, weil eine Bremsleuchte nicht funktionierte. Und ich kenne eine junge Britin Anfang 20, die sogar nach einem missglückten Suizidversuch statt psychologischer Hilfe eine Geldstrafe bekam, ebenfalls wegen “anti-social behaviour”. Wirklich asoziales Verhalten wird jedoch, erstaunlicherweise, oft jahr-, jahrzehntelang ignoriert und toleriert, z.B. die Serie von skandalösen Missbrauchsfälle in Großbritannien, in Deutschland kaum bekannt. In Rotherham wurden 16 Jahre lang (!) zwischen 1997 und 2013 “bei konservativer Schätzung insgesamt mindestens 1.400 Mädchen” von einer britisch-pakistanischen Bande systematisch missbraucht und sexuell versklavt. Jugendamt, Polizei, Gerichte schwiegen. Vätern, die zur Polizei gingen und meldeten, dass wohl etwas mit ihrer Tochter nicht stimmte, wurde vorgeworfen, ihre dreizehnjährige sei eben eine Schlampe, eine Prostituierte, und einem wurde der Vorwurf gemacht, er wolle sicher davon ablenken, dass er sich wohl selber an seinem Kind vergreife. Ärzte nahmen jahrelang Abtreibungen vor, Apotheker gaben 12jährigen Pubertierenden die “Pille danach”, aber niemand ging dagegen vor. In Telford waren es rund 1.000 Fälle, und es gab vergleichbare Fälle in Rochdale, Derby, Newcastle, Oxford, Halifax.

Unsere westliche Welt kennt sehr viele solcher katastrophalen Geschichten, aber wir ignorieren und vergessen das leider zu schnell. Böse sind eben nicht “wir”, der “Wertewesten”, sondern immer die anderen, in Asien, Afrika, Südamerika …

Liebe Grüße
Jürgen Warschun

2. Leserbrief

Lieber Herr Riegel,

danke für Ihren Hinweis auf die Doku in “Netflix”, auch wenn er mir nichts nutzt. Ich nutze weder Twitter, Facebook, Instagram usw. noch bezahle ich Netflix oder ähnliches für zusätzliche mediale Berieselung. Ich glaube, dass dies meiner mentalen Gesundheit förderlich ist, mir das ganze Brimborium vom Hals zu halten.

Dennoch möchte ich darauf aufmerksam machen, dass in der Gladbeck-Affäre sich der heutige “Moderator” von “Hart aber fair” – Frank Plasberg – besonders unrühmlich hervorgetan hat.. Er führte vor laufender Kamera Interviews (live?) mit den Geiselgangstern und soweit ich mich erinnere, begleitete er die Fahrt der Gangster auch auf ihrer Irrfahrt mit der Kamera.

Aus meiner Sicht hat sich das journalistische Niveau dieses Herrn seit dieser Zeit nicht deutlich gesteigert.

Mit den besten Grüßen und Wünschen
Claus Hübner

3. Leserbrief

Lieber Tobias, liebes Nachdenkseiten-Team,

das, was ich da aus dem SZ-Artikel herauslese ist wohl nur eine „Entschuldigung“ für die damalige Entgleisung, oder? Wir sind alle Schuld. Aber klar doch. Wenn in Berlin mal wieder ein Autofahrer in eine Menge fährt, sind alle Autofahrer automatisch Schuld, wenn sie statt erlaubten 50 52 km/h fahren, egal wo und unter egal welchen Umständen. Allein, dass sie Auto fahren, macht sie schuldig. So – meine lieben Journalisten der SZ geht Journalismus nicht. Das macht dann keinen Unterschied mehr zwischen Tätern und Beteiligten.  Schuld ist im moralischen und juristischen Sinne allein der Täter bzw. die Täterin. Basta.
Sie – liebe Journalisten der SZ – betreiben eine Reinwaschung der Journalistenclique über eine allgemeine Schuldzuweisung. Sie relativieren Vergehen Ihrer Branche. Aber das ist ja üblich, dass man eigene Vergehen möglichst kleinredet.

So – nun genug der Schelte. Wir benötigen dringend eine neue Generation von Journalisten, die ihre Aufgabe ernst nehmen. Die anderen können meinetwegen in den Vorruhestand gehen. Ist mir egal. Wenn sie allerdings weiter arbeiten, und dies so, wie sie es tun, werden die Folgen für die Branche verheerend sein.

Und um es klar zu stellen. Ich greife nicht den gesamten Journalistenstand an. Ich greife diejenigen an, die sich nachweislich fehlverhalten. Das sollte mir zugestanden sein.

Mit solidarischen Grüßen
Gunther Troost

4. Leserbrief

Sehr geehrte Nachdenkseiten, sehr geehrter Herr Riegel,
 
Den Vergleich zu „Gladbeck“ empfinde ich an den Haaren herbeigezogen. Ich habe aber auch Karl Kraus gelesen, und erwarte von unserer „vierten Gewalt“ seit langem nichts mehr. Ihre Kritik stößt ins Nichts vor.
 
Diese emotionalisierte, banalisierte, vermeintlich kritisch „enthüllende“ Berichterstattung dort:
 
Ukraine-Ticker: Kiew pessimistisch vor Scholz-Besuch | MDR.DE
 
ist der Standard. Schon die Auswahl des Portaits von O. Scholz, die Mine, Schärfe, Belichtung … . Der grenzenlos idiotische Titel „Bundeskanzler Olaf Scholz“ … Die Meldung selbst nimmt kaum ein Zehntel von dem Platz des inhaltlich beziehungslosen Bildes ein, berichtet subjektive Erwartungen ohne Grund. Das ist aber auch schon öffentlich/rechtlich.
 
Man kann fast sagen, dass ein Journalist (m/w/d), der seinen – allerdings nicht einklagbaren, Berufsethos ernst nimmt, kein Journalist ist. Sondern schon Aktivist.
 
Schlagen Sie bitte nicht weiter auf ein totes Pferd ein. Man möchte meinen Sie hätten sich in der näheren Vergangenheit noch immer geirrt? Ihre Verachtung teile ich gern.
 
Dass es sich aber heuer um gerade zum Erbrechen ekelige Parallelen zur Kriegspropaganda des Nationalsozialismus handelt, hat man uns damals in der Schule noch beigebracht.
 
Mit freundlichen Grüßen
J/E

5. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Riegel,
liebes NachDenkSeiten-Team,

gestern habe ich in mein Ukraine-Tagebuch eingetragen:

“Maßloser, wert(e)loser Journalismus (14.06.22)

Das Verhalten so mancher Journalisten derzeit erinnert doch stark an das ihrer Kollegen während des Geiseldramas in Gladbeck, als es wichtiger war, Liveschaltungen in den Fluchtwagen herzustellen, als die Arbeit der Polizei zu unterstützen. 

So berichtet der Politikchef der „Neue Ruhr Zeitung“ (NRZ – Funke-Medien-Gruppe) seit geraumer Zeit direkt aus der Ukraine, gestern hat Christian Siebert, Chef des Heute-Journals, den ukrainischen Präsidenten vor dem Besuch des Bundeskanzlers in Kiew interviewt, um diesem die Forderungen der ukrainischen Staatsführung direkt per Nachrichtensendung zu präsentieren. 

Das zeigt: Der Journalismus hat (wieder) jedes Maß verloren. Es ist die Distanzlosigkeit, die sprachlos macht, es ist die unmittelbare Teilnahme im sozialen Feld, mitten im Tatort, die Authentizität vortäuscht, wo es doch nur um Panikmache, um Sensationsgier geht. Die Ausschaltung der Polizei damals, die Behinderung und Ausschaltung von Politik heute werden billigend in Kauf genommen, wenn überhaupt reflektiert. Polizei damals und Politik heute werden in die Statistenrolle gedrängt. In einer seltsamen Hybris versucht sich der Medienapparat an die Stelle der Politik zu setzen, Gott zu spielen, weil er vergöttert werden möchte.”

Da kann ich nur sagen: Passt! 

Beste Grüße
Dietrich Brauer

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